Daniela Trattnigg

Psychotherapie | Paar- und Sexualtherapie | Supervision | Coaching
Allgemein Buchrezension neu

sehr lesenswerte „Liebespraxis“

 

Liebespraxis. Eine Sexologin erzählt lautet der Titel des neuesten Buches der Hamburger Sexologin, Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning.

Ziel der Autorin Ann-Marlene Henning ist es deR LeserIn einen Einblick in das Berufsfeld deR SexologIn/ SexualtherapeutIn zu geben. Sie möchte darlegen, mit welchen Anliegen man in ihre – wie jede andere Sexualtherapeutische und/oder Sexologische – Praxis kommen und in welcher Form man sich Unterstützung erwarten kann. Die Autorin möchte mit diesem Buch nicht nur für das Thema Sex begeistern, sondern Wege aufzeigen, wie man im eigenen Sexleben den nächsten Schritt gehen kann. Ihr Vorhaben dies in einer fachlichen und zugleich entspannten, humorvollen Sprache zu tun, um Jung und Alt damit zu erreichen, finde ich wunderbar gelungen.

 

Frau Henning schafft es nicht nur mit ihrer Sprache sehr gut, dass ich mich als LeserIn in ihrem Buch angesprochen fühle und mich wieder erkennen kann. Dies gelingt ihr meiner Ansicht nach vor allem mit ihrer persönlichen Haltung. Diese wird deutlich, indem sie auf Augenhöhe schreibt, in den Momenten wo sie „eine von uns“ LeserInnen wird und über sich persönlich erzählt. Auf den Punkt bringt sie es mit dem Satz „Therapeuten sind Menschen, genau wie ihre Klienten.“ (S.110)

 

Daran knüpft eine wichtige Botschaft des Buches an, nämlich dass Sexualität etwas ist, das man (für sich alleine und miteinander) lernen kann, ein Leben lang, immer wieder neu. „Frauen können lernen, zu einem Orgasmus zu kommen“ (S. 28.), ebenso wie Männer lernen können, ihren Orgasmus zu steuern. (Kap11) „Wie sich die eigene Sexualität entwickelt, wie sich Beziehungsmuster gestalten, hat viel mit den Erfahrungen zu tun, die wir als Kinder machen. Kinder üben im Kontakt mit anderen, Gefühle zu zeigen, zu kommunizieren, Freude und Genuss zu erleben.“ (S.140) Fähigkeiten, die wir für unsere spätere erwachsene Sexualität brauchen. Um die eigene und gemeinsame Sexualität weiterzuentwickeln, muss man sich für sie interessieren, neugierig sein, gewohnte Pfade verlassen, Neues wagen und darüber ins Gespräch kommen.

 

Hierfür liefert die Autorin eine Reihe Handwerkszeug und Gesprächsstoff. Sie bietet leicht aufbereitetes Wissen anstelle von Halbwissen und Klischees. Mit diesen räumt die Autorin auf, klärt gängige sexuelle Mythen und nimmt Tabus in Angriff, indem sie an ihre Stelle Informationen und fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse setzt. Ihre Haltung ist ganz klar und aus kollegialer ebenso wie persönlicher Perspektive erfrischend: „Über Sex und Liebe kann und muss wissenschaftlich geredet werden. Vielen passt das nicht ins romantische Konzept, aber Sex und Liebe sind nun mal auch biochemische Vorgänge.“ (S. 132) Daher kommt auch die neuropsychologische und -biologische Sicht nicht zu kurz, indem uns Frau Hennig auch in verständlicher und nützlicher Form über Hormone und das Gehirn erzählt.

 

Das Sexologische Konzept/Modell des Sexocorporel, das der Autorin in ihrer Arbeit als Sexologin, Sexualtherapeutin zu Grunde liegt, wird in Kapitel 10 sehr kompakt und gut verständlich beschrieben. Es baut auf der Sichtweise auf, dass die Sexualität eines jeden Menschen auf einer bestimmten Logik funktioniert und es daher in der Therapie wichtig ist, diese Logik zu verstehen. Die klare Struktur der Anamnese und Grundlage für Interventionen ist die Einteilung in vier verschiede Kugeln/Bereiche: die Kopfkugel, die Paarkugel, die Wahrnehmungskugel und die Körperkugel. Die Autorin stellt fest, dass in ihrer Rolle als Sexologin der Focus klar darauf gelegt ist, wie man wieder guten Sex bekommt. „Liebend oder nicht liebend. Wie man es eben mag.“ (S. 161) In unserer Rolle als TherapeutInnen geht es nicht darum die Sexualität von anderen Menschen zu bewerten, auch das wird damit klar zum Ausdruck gebracht. Und dass viele sexuelle Probleme losgelöst vom Konzept der Liebe (Paarkugel) behandelt werden können.

 

Darüber hinaus beschreibt die Autorin sehr anschaulich ein Konzept (nach Schnarch) von drei unterschiedlichen Beziehungsdynamiken: die Symbiose, den Kampf und dieDifferenzierung und ihre Auswirkungen auf die Sexualität. Durch die dargestellten Fallgeschichten, kann ich mir als LeserIn gut vorstellen, was darunter auch im Alltag gemeint ist. Sie schreibt: „Symbiotische Paare haben nämlich ein großes Problem: Demonstriert einer der beiden Unabhängigkeit, zum Beispiel indem er eine Meinung vertritt, die der andere womöglich nicht teilt, wird dieser unsicher.“ (S.21) Symbiotischen Paaren fehlt oft etwas Wichtiges, das man für Sex braucht, nämlich Verlangen. In einer symbiotischen Beziehung in der „jeder fürchtet, der andere könnte etwas nicht mögen, traut sich keiner etwas Neues zu versuchen.“ (S. 20) Damit etwas Neues entstehen kann, braucht es ein wenig „Fremdsein“ und dafür braucht es die Differenzierung. „Am wichtigsten ist es, dass ich bei mir bleibe. Wenn ich weiß, wer ich bin, lebt es sich entspannter, muss ich weniger kämpfen und kann mich besser und differenzierter auf Nähe zu einem anderen (geliebten) Menschen einlassen.“ (S. 39)

 

Symbiotische Beziehungen können manchmal auch zu einzelnen oder beiden Elternteilen bestehen. Auch diese wirken sich auf die Gestaltung von Liebesbeziehungen und die Sexualität im Erwachsenenalter aus. „Scham, moralische oder emotionale Verbote – es kann gar nicht genug betont werden, wie sehr wir eingefärbt von den Vorstellungen und Werten unserer Eltern sind. Und von ihren Ängsten. Das alles ist normal, aber solange wir zu unseren Eltern starke symbiotische Gefühle hegen, wird es schwer, eigene Lebens- und Liebeskonzepte zu entwickeln.“ (S.130) Gut, dass die Autorin auch einige Möglichkeiten aufzeigt, wie die notwendige Differenzierung gelingen kann.

 

Nicht jedE KlientIn oder jedes Paar bleibt so lange in Therapie bis es für sich eine Lösung gefunden hat. (Den Anschein hat es zumindest für uns TherapeutInnen) Auch diese beschreibt Frau Henning. Und es entsteht der Eindruck, dass sie gar nicht so selten vorkommen, die Fälle wo eine Therapie abgebrochen wird, an dem Punkt an dem bewusst wird, dass für den nächsten Schritt eine Veränderung anstehen würde. „Es war ein ehrliches Eingeständnis von Hannes gewesen, mit dieser Offenheit hätte ich eine Paartherapie beginnen können. Aber ein nächster Termin wurde nie vereinbart. Ich weiß nicht, wie es den beiden heute geht.“ (S. 212)

 

Interessant könnte auch das aus unterschiedlichen Perspektiven behandelte Thema der Untreue sein. Immer wieder bietet das therapeutische Setting einen geschützten Rahmen um schwierige Themen/ Gefühle/ Ansichten/ Neigungen/ sich zu „offenbaren“. „Dass [Saschas Frau] so freimütig ihre Affäre zugab, zeigte mir, dass sie Veränderung wollte und es jetzt darauf ankommen ließ.“ (S. 92) Die wertschätzende/ neutrale Haltung der Therapeutin macht es gerade bei schwierigen Themen möglich im Gespräch zu bleiben und alle Facetten zu thematisieren. Frau Hennig beschreibt in Kapiteln 3 wie ihr die Fähigkeit des Mindmappings hier behilflich sein kann. Wir können die Gestik unseres Gegenübers lesen, die Mimik, das Verhalten, was eR sagt und auch nicht sagt, wie eR es sagt. Wir nehmen wahr und interpretieren aufgrund von Erfahrungen, Antizipation und Selbstschutz, um unser Verhalten daran zu orientieren. Die Autorin beschreibt das Mappen auch im Zusammenhab mit Untreue und sagt hierzu, dass untreue Partner diese Technik bisweilen bis zur Perfektion beherrschen würden. Denn sie würden nicht nur maskieren, sondern auch falsche Tatsachen in den Kopf des Partners pflanzen.

 

Ein weiteres Beispiel das die Autorin aufgreift ist die vorzeitige Ejakulation des Mannes. Sie beschreibt dass „[b]ei jeder Art von Befürchtungen – also auch bei der Angst zu früh zu kommen – […] das Warnsystem im Gehirn alarmiert [ist]. Es aktiviert die drei Möglichkeiten des Umgangs mit der potenziellen Gefahr: weglaufen, angreifen oder erstarren. Für welchen Weg man sich – mehr unbewusst als bewusst – auch entscheidet, eines ist klar: Für Genuss und Entspannung ist jetzt gerade definitiv keine Zeit!“ (S. 181) Hervorheben möchte ich auch ihre Feststellung, dass SexualtherapeutInnen das Zu-früh-kommen immer als Paarproblem sehen würden, und es vor allem die Aufgabe des Mannes ist, seine Erregung besser kennen und steuern zu lernen.

 

Abschließend kann man sagen, dass das Buch absolut dem Zeitgeist entspricht. Es beinhaltet eine gute Mischung aus interessanten, nachvollziehbar dargestellten Fallgeschichten, Übungen, autobiografischen Schilderungen und leicht verständlichen, wissenschaftlichen Unterfütterungen. Es ist (höchste) Zeit in dieser erwachsenen Form über Sexualität ins Gespräch zu kommen, in Beziehungen und als Gesellschaft. Hierfür scheint sich das Modell des Sexocorporel sehr gut zu eignen.

 

Vielen Dank an Frau Hennig für dieses wunderbare Buch. Mich hat es begeistert und ich kann es FachkollegInnen ebenso wärmstens empfehlen wie Frauen und Männern, Singles und Paaren.

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